Schauprozess ohne Prozess
8. August 2009 – 23:52Wer den aktuellen Artikel im SPON zum Fall Tauss liest kann an sich nur zu einer Meinung kommen: Der Mann ist schuldig. Bereits in der Einleitung wird suggeriert, dass sich die Schlinge immer enger zieht.
Der unter Kinderporno-Verdacht stehende Bundestagsabgeordnete Jörg Tauss gerät immer stärker unter Druck.
Dabei hat sich an der Ausgangslage eigentlich nichts verändert, es gab keine neuen Beweise, es wurde kein neues Material gefunden, lediglich die Untersuchungsergebnisse wurden in einem internen Bericht zusammengefasst. Eeigentlich fragt man sich an dieser Stelle, warum ein neuer Artikel geschrieben wurde.
Dazu wirft der Artikel einige Fragen auf. So wird behauptet:
Dem Papier zufolge wurden bei Tauss bei den Durchsuchungen im März insgesamt 356 kinderpornografische Bilddateien und 59 kinderpornografische Videodateien sichergestellt. Diese Dateien hatte Tauss auf einem Handy gespeichert.
Laut dem Anwalt von Tauss ist der Speicher des betreffenden Handys nur wenige Megabyte groß (35 MB laut Tauss). Das reicht für einige Bilder – sicherlich nicht für 356 oder wenn dann nur in einer extrem schlechten Qualität. Videos dagegen sind sogar bei kurzen Spielzeiten und schlechter Qualität mindestens im Bereich von 500 bis 1000 kB groß – allein die Videos hätten also mindestens 25 MB Speicher verschluckt.
Dazu war bisher immer auch die Rede von 3 DVDs mit Material gewesen – im neuen Artikel findet sich dazu nichts mehr.
Von den Widersprüchen im Artikel lässt sich im Bezug auf die neuen Vorwürfe auch nichts feststellen. Insbesondere da die Speicherkapazität von 3 DVDs deutlich größer ist als die angegebene Menge an gefunden Material und die 3 DVDs von Tauss nie bestritten wurden fragt man sich an welcher Stelle denn nun der neue Widerspruch ist.
In welche Richtung der Artikel ursprünglich gehen sollte wird klar wenn man bedenkt, dass die aktuelle Version abgeändert wurde. Ursprünglich war die Einleitung:
Die Erklärung von Jörg Tauss, er habe als zuständiger Abgeordneter in der Kinderporno-Szene recherchiert, lässt sich kaum länger halten
In der aktuellen Version wurde diese Vorverurteilung gestrichen. Die Unterschiede der beiden Versionen lassen sich hier (oder hier nochmal als Grafik mit farblicher Kennzeichung) nachvollziehen.
Die Printausgabe des Artikels (Heft 33/2009 “Schmutz unterm Bett” Seiten 43/44) sieht im übrigen deutlich anders aus als die Online-Version. Hier wird auch auf die DVDs eingegangen und es gibt mehr Details aus dem Bericht. Dazu finden sich im Print-Artikel auch ein paar mehr intime Details aus dem Privatleben von Tauss zusammen mit dem süffisanten Hinweis, dass diese “wohl strafrechtlich nicht relevant sind”. Im Spiegel hat man sie trotzdem abgedruckt.
Vor dem Hintergrund, dass der Staatsanwalt in dem Fall bereits per BILD-Zeitung Details zum weiteren Vorgehen preisgegeben hatte, wirkt das geleakte interne Dokument aus dem der Spiegel die alten Fakten entnommen hat schon etwas merkwürdig. Es scheint als würde die Presse gezielt angefüttert um bereits im Vorfeld eines Prozesses die Person Tauss medial zu diskredieren.
Darüber hinaus wirkt es auch überzufällig, dass der Spiegel ausgerechnet im Vorfeld der neuen Spiegel-Ausgabe unter dem ohnehin schon (aus Piratensicht) provokaten Titel “Netz ohne Gesetz – Warum das Internet neue Regeln braucht”. Vielleicht denkt man in der Spiegel Redaktion mit Provokation mehr Auflage ereichen zu können.
Die Vorwürfe des Spiegel Online wurden im Übrigen recht schnell auch in anderen Blättern übernommen. Auf Bild Online ist mittlerweile ein kompletter Bezug auf den Spiegel Artikel zu finden.
Letzendlich wird mit jeder dieser Veröffentlichungen klar, dass es ein faires Verfahren für Tauss wohl nicht mehr geben wird. Egal wie der Prozess ausgehen mag, wie auch immer ein Richter die Zusammenhänge bewertet – er bleibt “der mit den Kinderpornos”. Der Berichterstattung sei dank.
Mehr dazu:
Edit: Einen interessanten Punkt gibt es bei Internet-Law. Der Prozess um Kinderpornographie-(Vorführung) von Frau von der Leyen wurde von der Staatsanwaltschaft eingestellt. Lassen sich daraus Schlüsse für Tauss ziehen?
Tags: Ermittlung, Spiegel, Tauss
"Mein Name ist Guybrush Threepwood und ich will Pirat werden!"