Personalie Lochthofen: Zensur und Pressefreiheit in Thüringen

1. Dezember 2009 – 12:08

Die Abberufung des langjährigen Chefredakteuer des Thüringer Allgemeine (TA), Sergei Lochthofen, kam letzte Woche überraschend. Sowohl Lochthofen selbst als auch die Redaktion der TA waren im Vorfeld darüber nicht informiert worden. Nachfolger soll Paul- Josef Raue, der bisherige Chefredakteuer der Braunschweiger Zeitung, werden.

Mittlerweile hat sich die Redaktion der TA mit dem Chefredakteur solidarisiert. Wie der MDR schreibt haben sich auf der Mitarbeiterversammlung um die 100 Redakteuer einstimmig für diesen Weg entschieden. In einer Erklärung schreiben die Mitglieder der Redaktion:

Die Redaktion der Thüringer Allgemeine fordert die Rücknahme der Abberufung von Chefredakteur Sergej Lochthofen und seiner Stellvertreterin Antje-Maria Lochthofen.

und

Dazu fordert die Redaktion:

1. Beibehaltung der Eigenständigkeit der Vollredaktion der „Thüringer Allgemeine“.
2. Die Belegschaft beansprucht die Beibehaltung der Entscheidungshoheit der Redaktion über die strukturelle und inhaltliche Gestaltung von Redaktion und Zeitung. Die Redaktion wählt einen Redaktionsrat als Verhandlungspartner der Geschäftsleitung.
3. Die Mitarbeiter fordern die Vergütung nach Flächentarifvertrag.
4. Es darf keine betriebsbedingten Kündigungen geben.

Die Erklärung wurde auch in der TA abgedruckt, allerdings in einer veränderten Form. So wurde der Punkt 2 der Forderungen umformuliert, auch der Hinweis auf die eventuellen persönlichen Interessen bei der Abberufung Lochthofens finden sich in der Zeitung nicht mehr.

Original:

Wir sehen in der Abberufung keinen Schritt im Interesse des Verlages Thüringer Allgemeine und seiner Gesellschafter, sondern eine Maßnahme zu deren Schaden. Die Abberufung ist in ihrer Form, in ihrer inhaltlichen Zielrichtung und in ihrer erkennbaren persönlichen Motivation durch Geschäftsführer Klaus Schrotthofer ein schwerer Eingriff in die journalistische Unabhängigkeit der Redaktion. Diese Unabhängigkeit ist im Redaktionsstatut vom April 1990 formuliert.

Die Abberufung des Chefredakteurs bricht mit dem Grundkonsens, auf dessen Basis 1990 die erfolgreichste Regional-Mediengruppe Deutschlands, die WAZ-Gruppe, …

Version in der TA:

Wir sehen in der Abberufung keinen Schritt im Interesse des Verlages Thüringer Allgemeine und seiner Gesellschafter, sondern eine Maßnahme zu deren Schaden… Die Abberufung des Chefredakteurs bricht mit dem Grundkonsens, auf dessen Basis 1990 die erfolgreichste Regional-Mediengruppe Deutschlands, die WAZ-Gruppe, …

In der taz geht man sogar noch einen Schritt weiter. Ein Redakteur berichtet hier von kritischen Leserbriefen, die zurückgehalten werden und davon, dass Veröffentlichungen zu dem Thema vorab vorgelegt werden müssen.

Es scheint, als hätte das überraschende und unsensible Vorgehen bei der Personalie Lochthofen eine Menge neuer Probleme verursacht, die man auf der Führungsebene wohl so nicht bedacht hat. Ob die Kontrolle von Inhalten unbedingt der beste Weg ist um damit umzugehen darf an dieser Stelle bezweifelt werden, besser wäre es wohl das offene Gespräch mit der Redaktion und den Beteiligten zu suchen.

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